Ein nutzerorientiertes Verfahren zur Gesamtbewertung des Verkehrsablaufs an lichtsignalisierten Landstraßenknotenpunkten

  • A new procedure to determine a user-oriented level of service of traffic light controlled crossroads

Becher, Thorsten; Steinauer, Bernhard (Thesis advisor)

Aachen : ISAC (2011)
Doktorarbeit

In: Aachener Mitteilungen Straßenwesen, Erd- und Tunnelbau 55
Seite(n)/Artikel-Nr.: XXVIII, 248 S. : Ill., graph. Darst., Kt.

Zugl.: Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2011

Kurzfassung

Die Dimensionierung von Straßenverkehrsanlagen erfolgt in Deutschland seit 2001 nach dem Handbuch für die Bemessung von Straßenverkehrsanlagen (HBS) in Anlehnung an das US-amerikanische "Highway Capacity Manual" (HCM). Seitdem gründet die Beschreibung der Verkehrsqualität im deutschen Regelwerk auf dem Prinzip des "Level of Service". Die bis dato im Regelwerk ausschließlich nach Kapazität definierte Verkehrsqualität erfuhr durch den Gedanken der nutzerorientierten Sicht eine theoretische Ergänzung in den Grundprinzipien. Die bestehenden Verfahren zur Bewertung der Bemessungsgrößen weisen jedoch auch neun Jahre nach Einführung vor allem bezüglich der Nutzersicht immer noch einige Schwächen und Lücken auf. So können beispielsweise mit dem aktuellen HBS Teilelemente von Knotenpunkten, einzelne Streckenabschnitte etc. ausschließlich verkehrstechnisch bemessen werden. Knotenpunkte als Gesamtheit und unter Berücksichtigung der Nutzersicht lassen sich mit dem HBS derzeit nicht beurteilen. Daher wurde mit dieser Dissertation ein Verfahren zur Gesamtbewertung eines lichtsignalisierten Landstraßenknotenpunkts entwickelt, welches neben der verkehrstechnischen auch eine nutzerorientierte Komponente enthält. Das neu entwickelte Verfahren basiert auf einer Grundlagenanalyse, die neben der Darstellung grundsätzlicher Anforderungen und Kriterien an die Bemessung und Bewertung von Lichtsignalanlagen auch psychologische Grundgedanken im Rahmen der Modellierung des Straßenverkehrskreislaufs auf der Ebene Mensch-System aufzeigt. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Rahmen die Wahrnehmung und Interpretation von Straßenverkehrssituationen sowie die Emotionen und Reaktionen der Fahrer, die zum allgemeinen Verkehrsklima beitragen. Im Weiteren baut das neu entwickelte Verfahren auf den bestehenden Kenngrößen des HBS-Kapitels 6 "Knotenpunkte mit Lichtsignalanlage" auf und ergänzt das vorhandene Qualitätsstufenkonzept zur Bewertung der einzelnen Signalgruppen einer Lichtsignalanlage mit einer zusammengeführten, nutzerorientierten Beurteilung über den gesamten Knotenpunkt. Hierzu erfolgte auf Grund der unterschiedlichen Facetten eine Verknüpfung von verkehrstechnischen, soziologischen und psychologischen Erkenntnissen, die aus Versuchsreihen im Verkehrslabor und der Realität gewonnen wurden. Für das Verfahren wurden aus der Empirie Bewertungskurven zur Ermittlung unzufriedener Fahrer sowie ein Akzeptanzbewertungsmaß zur Ermittlung der Toleranz von Wartezeiten abgeleitet und anhand von Sensibilitätstests analysiert. Mit den Bewertungskurven konnte gezeigt werden, wie negative Einflüsse auf das Verkehrsklima erzielt werden, wenn die Wartezeiten am Knotenpunkt ansteigen. Bereits nach 60 Sekunden Wartezeit sind über 50% der Fahrer ungeduldig und über 15% sogar stark verärgert. Mit diesen Werten wird fast die Akzeptanzgrenze erreicht, die an einer roten Lichtsignalanlage im Bereich zwischen 60 und 70 Sekunden gefunden werden konnte. Dabei sind nicht die Straßenkategorien, die Zeitlücken des querenden Stroms und die Lage des Knotenpunkts im Verlauf einer Fahrt die entscheidenden Größen für die auftretenden negativen Emotionen, sondern andere psychologische Größen. Unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse wird mit dem Verfahren ein Unzufriedenheitsindex berechnet, der anhand der auftretenden Wartezeiten und daraus resultierenden Bewertungen eine Aussage über das Unzufriedenheitsniveau der den Knotenpunkt passierenden Verkehrsteilnehmer zulässt. Das vorliegende Verfahren zur Bewertung der nutzerorientierten Verkehrsqualität stellt derzeit das einzige Verfahren dar, das einen lichtsignalisierten Knotenpunkt im Zuge einer Landstraße aus Sicht der Nutzer zu bewerten vermag. Dies ermöglicht letztendlich eine sachgerechtere Diskussion zur anzustrebenden Mindestverkehrsqualität bei einer gleichzeitig verbesserten Berücksichtigung der Qualitätsaspekte von Verkehrsteilnehmern.

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